Andreas Ludden, Herausgeber Mika WaltariAndreas Ludden, Herausgeber und Übersetzer der Werke Mika Waltaris

Außerhalb Finnlands ist Mika Waltari (1908‒1979) vor allem durch seine umfangreichen historischen Romane bekannt geworden, die in über dreißig Sprachen übersetzt worden sind. In seiner Heimat schätzt man aber auch seine Novellen (auf Finnisch pienoisromaanit, also »Kurzromane« genannt), von denen der Autor etwas über ein Dutzend verfasst hat. Sie entstanden in den knapp zweieinhalb Jahrzehnten zwischen 1930 und 1953, umfassen in der Regel zwischen dreißig und hundert Druckseiten und spielen sämtlich in der Gegenwart, meistens ins Finnland, teilweise aber auch im Ausland. In deutscher Sprache erschien noch zu Lebzeiten des Autors eine Auswahl von vier dieser Novellen unter dem Titel »Man nennt es Liebe« (1968). Es handelt sich dabei, wie schon aus dem Titel der Sammlung hervorgeht, um Liebesgeschichten. Allerdings ist keine der im genannten Band enthaltenen Novellen aus dem finnischen Original übersetzt worden, sondern über Brückensprachen (aus dem Englischen bzw. Schwedischen). Letzteres gilt ja auch für die meisten historischen Romanen Waltaris, wie ich bereits im Nachwort zu meiner Neuübersetzung von Michael der Finne (Kuebler Verlag 2013) ausführen konnte.

Die beiden Novellen dieses Bandes werden hiermit erstmals auf Deutsch vorgelegt. Fine van Brooklyn entstand 1938, Die Pariser Krawatte datiert neun Jahre später. Während Fine van Brooklyn in den späten 1920er Jahren in Paris und der Bretagne spielt und mit einer kurzen Nachbemerkung des ins heimische Helsinki zurückgekehrten Ich-Erzählers endet, versetzt Die Pariser Krawatte den Leser in das Helsinki der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dass gleich auf der zweiten Seite dieser Novelle von »den Kriegen« im Plural die Rede ist, verwundert nicht, wenn man weiß, dass der Zweite Weltkrieg aus finnischer Perspektive aus zwei Kriegen bestand, dem sog. Winterkrieg (30. November 1939 bis 13. März 1940), in dem sich Finnland gegen den Angriff der Sowjetunion zur Wehr setzte, und dem sog. Fortsetzungskrieg (25. Juni 1941 bis 19. September 1944), als Finnland an der Seite Deutschlands versuchte, die nach dem Winterkrieg an die Sowjetunion abgetretenen Gebiete zurückzugewinnen und sich darüber hinaus das russische Karelien einzuverleiben. Beide Kriege endeten mit einer Niederlage Finnlands, samt Gebietsabtretungen und hohen Reparationszahlungen an die Sowjetunion. Jedoch gelang es Finnland, seine staatliche Unabhängigkeit zu bewahren und dem Los der baltischen Staaten zu entgehen, die bekanntlich der Sowjetunion einverleibt wurden.

In Fine van Brooklyn verarbeitet der Autor Erlebnisse aus seiner Studienzeit in Frankreich. Nach dem Abitur (1926) begann er zunächst ein Studium der Theologie an der Universität seiner Heimatstadt Helsinki, wohl um in die Fußstapfen seines früh verstorbenen Vaters, eines lutherischen Pfarrers, zu treten. Doch schon nach einem knappen Jahr gab er das Theologiestudium auf und wechselte an die philosophische Fakultät. Dort belegte er Philosophie, Kunstgeschichte und finnische Literatur als Studienfächer. Außerdem lernte er fleißig Französisch, denn nachdem er bereits die Sommerferien 1927 in Paris verbracht hatte, zog es ihn ein Jahr später wieder nach Frankreich. Ermöglicht wurden ihm diese Reisen durch die finanzielle Unterstützung seines Onkels und das Honorar, das ihm durch die Veröffentlichung seines Erstlingsromans Die große Illusion (»Suuri illusioni«, 1928) zufloss. Bei diesem zweiten Frankreichaufenthalt kam es dann auch zum Abstecher in die Bretagne samt einem Besuch der Megalithen von Carnac.

Waltari hat nie ein Tagebuch geführt und auch keine Autobiographie verfasst, aber wenige Jahre vor seinem Tod ließ er sich von der finnischen Literaturwissenschaftlerin Ritva Haavikko mehrere Wochen lang zu seinem Leben und Werk befragen, und bei allen diesen Interviews lief ein Tonband mit. Aus den Tonbandabschriften entstand dann ein 460 Seiten umfassendes Buch, das als von Waltari autorisierte (Auto-)Biographie angesehen werden kann. Es erschien 1980, ein Jahr nach dem Tod des Autors. Somit sind wir über vieles, was er in den Sommermonaten der Jahre 1927 und 1928 in Paris und Frankreich erlebte, einigermaßen gut unterrichtet. Demnach trägt der Ich-Erzähler der Novelle zwar durchaus Züge des knapp zwanzigjährigen Waltari selbst (authentisch ist auch die Beschreibung der Zugreise, der Pension und der französischen Sommerfrischler); die Titelfigur Fine hingegen entspringt der dichterischen Imagination des Autors. In der gerade erst der Pubertät erwachsenen Fine schildert Waltari zum ersten Mal eine jener weiblichen Figuren, die in seinen späteren Werken immer wieder in mehreren Variationen auftreten, nämlich die femme fatale, die sich ihrer Wirkung auf Männer bewusst ist, mit den Gefühlen des Mannes spielt und ihn im schlimmsten Falle ausnutzt, so wie etwa Nefernefernefer in Sinuhe der Ägypter. Fine und Nefernefernefer sind sozusagen die beiden Extreme dieser femme fatale, deren Bandbreite sich anhand weiterer Frauenfiguren wie Geneviève (in Michael der Finne) oder Giulia (in Michael Hakim) illustrieren lässt. Auch das Hexenmotiv taucht ein weiteres Mal in einem der großen historischen Romane Waltaris auf, und zwar in der Figur der Pirjo Pelzfuß (Michaels Ziehmutter in Michael der Finne) und der Barbara (Michaels Ehefrau im selben Roman), wobei letztere einem ausführlich geschilderten Hexenprozess zum Opfer fällt.

Ein Jahrzehnt nach seinem Bretagne-Aufenthalt brachte Waltari die Erzählung zu Papier und bot sie seinem Verlag Werner Söderström (WSOY) zusammen mit drei weiteren Novellen zur Veröffentlichung an. Heute kann man sich über die Reaktion des Verlages nur wundern. Yrjö Jäntti, der damalige Chef des Verlages, zu dem Waltari ein freundschaftliches Verhältnis pflegte, schrieb ihm im September 1939: »Nach gründlicher Überlegung muss ich Dir schweren Herzens mitteilen, dass wir Deine Novellensammlung nicht veröffentlichen können. (...) In technischer und stilistischer Hinsicht handelt es sich zwar um geradezu virtuos geschriebene Erzählungen, aber uns scheint, sie sind alle äußerst unschicklich und beinhalten krankhafte Züge, die wir in unserer Literatur nicht dulden können.« Die Ablehnung gründete also auf moralischen Kriterien, die damals in der Verlagspolitik von WSOY eine große Rolle spielten. Waltari ließ sich davon aber nicht unterkriegen und publizierte Fine van Brooklyn 1941 erst als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitschrift und kurz darauf als Privatdruck für wenige Freunde, bis sich WSOY im Jahre 1943 doch noch entschloss, die Novelle ins Verlagsprogramm aufzunehmen. Inzwischen gehört Fine van Brooklyn zum literarischen Kanon der finnischen Novellistik und wird im Schulunterricht behandelt. Waltari selbst äußerte anlässlich einer späteren Neuauflage, er halte Fine van Brooklyn für eine der besten Novellen aus seiner Feder; der Text erinnere ihn an die glückliche Zeit, die er als 19-Jähriger in Frankreich habe verleben können. Bisher ist die Novelle in sieben Sprachen übersetzt worden, und zwar ins Englische, Französische, Italienische, Spanische, Tschechische, Ungarische und Estnische. Die vorliegende deutsche Fassung ist in dieser Reihe die achte fremdsprachliche Übersetzung.

Im Jahre 1947 entstand Die Pariser Krawatte. Die Erstausgabe datiert jedoch aus dem Jahre 1953, als der Text zusammen mit anderen Novellen des Autors in einem Sammelband erstmals im Druck erschien. Der finnische Literaturwissenschaftler Markku Envall bezeichnet Die Pariser Krawatte in seiner Untersuchung des Roman- und Novellenwerks Waltaris als »erotische Komödie dreier Generationen«. Ein Geschäftsmann mittleren Alters erlebt eine Art zweiten Frühling, als er sich in seine Sekretärin verliebt und dann auch bei seiner Frau die Existenz eines Liebhabers vermutet. Ausgelöst wird alles durch eine Krawatte aus Paris, die dem Ich-Erzähler namens Walter zufällig in die Hände fällt und ihn an die weit zurückliegende Zeit lange vor dem Krieg zurückdenken lässt, die er als junger Mann in Paris verlebt hat. Hier bedient sich der Autor natürlich wieder eigener Erinnerungen, ähnlich wie in Fine van Brooklyn. In der Rue de la Harpe, wo der junge Walter mit seiner französischen Geliebten ein Arbeiterlokal besucht, lag auch das »Hôtel de Suède«, in dem der junge Waltari (die Namensähnlichkeit ist sicher kein Zufall) in den Sommermonaten 1927 und 1928 in Paris logierte. Der Leser von Michael der Finne kennt diesen Straßennamen ebenfalls, denn in ebenderselben Rue de la Harpe wohnt Michael Pelzfuß während seines Studiums in Paris im akademischen Jahr 1519/1520, genauso wie sein holländischer Lehrer, Magister Monk. Die vielen komischen Züge, welche mehreren in der Novelle vorkommenden Personen anhaften (z.B. dem Schwiegervater des Ich-Erzählers), oder auch die Tatsache, dass sich der Protagonist Walter mehr als einmal durch das Tragen der Krawatte lächerlich macht, ohne es selbst so recht zu merken, rechtfertigt sicher die Bezeichnung als Komödie. Das Komödienhafte dieser Novelle war wohl auch der Grund, dass der finnische Filmregisseur Matti Kassila (Jahrgang 1924), der auch die drei Kriminalromane aus Waltaris Feder verfilmt hat, sich dieses Stoffes annahm und die Novelle unter ihrem finnischen Originaltitel »Pariisilaissolmio« im Jahre 1965 verfilmte. Auf DVD erhältlich, erfreut sich dieser knapp eine Stunde lange Film in Finnland immer noch großer Beliebtheit.

Abschließend sei noch erwähnt, dass die vorliegende deutsche Version der Pariser Krawatte durchaus nicht die erste fremdsprachige Übersetzung dieser Novelle ist; sie ist zuvor bereits ins Englische, Spanische, Schwedische und Tschechische übersetzt worden.