Panu Rajala200Panu Rajala, Waltari-Experte und Verfasser von "Unio Mystica"

Anläßlich eines Besuches von Verlagsmitarbeitern im September 2014 bei der Waltari-Gesellschaft, der Deutschen Bibliothek und des Waltari-Verlages WSOY in Helsinki verfassste Panu Rajala - der "Literaturpapst" in Finnland und Verfasser einer umfänglichen Biographie über Mika Waltari, folgenden Beitrag:

Waltari in neuer deutscher Übersetzung                   

Mika Waltaris Werke wurden erstmals im Jahre 1938 ins Deutsche übersetzt, als sein Kurzroman Ein Fremdling kam auf den Hof in München erschien. Dieses Werk (finnisch: Vieras mies tuli taloon) hatte in Finnland erst ein Jahr zuvor den Preis eines Romanwettbewerbs gewonnen. Die deutsche Bedrohung war damals akut, doch ließ sich dieser Roman kaum mit der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis in Verbindung bringen. Eher noch verglichen die Kritiker die darin geschilderte Tragödie in ländlicher Umgebung mit dem Vitalismus eines D. H. Lawrence. Eine neue Übersetzung des Werkes erschien dann 1977.

Aufgrund des Krieges öffnete sich der deutsche Buchmarkt Waltari erst langsam, dann aber umso sicherer. Im Jahre 1943 wurden Karin Magnustochter und Kommissar Palmu auf falscher Fährte übersetzt. Nachdem Sinuhe der Ägypter bereits 1948 übersetzt worden war, folgte darauf eine weitere Reihe von Waltaris Romanen. Doch wurden alle diese historischen Romane entweder aus der schwedischen oder der englischen Übertragung ins Deutsche übersetzt und außerdem noch stark gekürzt, sodass die deutschen Leser sich kein umfassendes Bild von Waltaris Philosophie machen konnten.

Der deutsche Übersetzer Andreas Ludden hat nun ein bedeutendes Werk in Angriff genommen. Er legte vier neue Übersetzungen von Waltaris historischen Romanen vor, beginnend mit Sinuhe, und zwar erfolgte die Übersetzung diesmal direkt aus dem finnischen Original und ohne Kürzungen. Den Roman Der junge Johannes übersetzte er erstmals unter dem Titel Johannes Peregrinus ins Deutsche. Dann folgten Michael der Finne, Turms und als vorerst letzte Übersetzung Sinuhe der Ägypter. Alle diese Werke sollen bald auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden.

Mein eigenes Lieblingsbuch, in dem ich schon blättern konnte, ist die Übersetzung zweier Novellen oder Kurzromane: Fine van Brooklyn und Die Pariser Krawatte. Es war eine glänzende Idee, gerade diese beiden eleganten Erzählungen in einem Band zu vereinigen. Sie haben vieles gemeinsam: Erinnerungen an Paris, die schmerzliche Romantik der Jugend, pessimistische Weisheit des älter Gewordenen, und dazu in beiden Novellen die scharfe Selbstironie und der nachsichtige Humor des Autors. Die beiden Ich-Erzähler könnten durchaus ein und dieselbe Person sein, die zudem eine große Ähnlichkeit mit Waltari selbst aufweist.

Im Laufe des Tages traf ich Andreas Ludden zweimal. Zuerst saßen wir in den Räumen von WSOY, wo die Verlagsredakteurin Hanna Kjellberg das Gespräch auf Waltari brachte und sich allgemein zu den in letzter Zeit erschienenen Verdeutschungen finnischer Bücher äußerte. Anwesend waren auch zwei Vertreter des Kuebler-Verlags. Wunderbar, dass diese Firma so viel in die Werke Waltaris investiert, die sie dazu in schönen Umschlägen vorlegt. Es scheint eine ständige Nachfrage danach zu bestehen, sodass sich diese Investition bestimmt nicht als vergeblich erweisen wird. Eine Waltari-Biographie (wie vom Verfasser dieser Zeilen vorgelegt) werde in Deutschland hingegen nur wenige Leser finden, wie Ludden bedauernd feststellte, wobei er jedoch gleichzeitig freundliche Anerkennung für meine Unio Mystica (Titel der Waltari-Biographie) aussprach. Er meinte sogar, ich wisse mehr über Waltari, als Waltari über sich selbst gewusst hat!

Finnland wird in Frankfurt im Focus stehen, auch was die Klassiker betrifft. In der letzten Woche bekam ich per Post eine neue Sillanpää-Übersetzung zugeschickt: Frommes Elend (finn.: Hurskas kurjuus). Zum ersten Mal erschien dieser Roman im Jahre 1948, zum zweiten Mal 1956 unter dem Titel Sterben und Auferstehen. Diese neue Ausgabe ist also schon die dritte Version. Alle Romane Sillanpääs sind ins Deutsche übersetzt worden. Unglücklich war nur das Schicksal von Eines Mannes Weg (finn.: Miehen tie, 1933): Das Buch wurde aus dem Verkehr gezogen und makuliert, nachdem Sillanpää sich in seinem berühmten „Weihnachtsbrief“ 1938 allzu offen über die Diktatoren Hitler, Stalin und Mussolini geäußert hatte.

Andreas Ludden erwies sich als wahrer Waltari-Kenner und Liebhaber. Er besitzt eine umfangreiche Sammlung von Übersetzungen des Autors in verschiedenen Sprachen und ist gleichzeitig mit den Originaltexten und -ausgaben gründlich vertraut. Es wäre schön gewesen, hätte ich mich eingehender mit ihm unterhalten können, aber unser Treffen war zeitlich begrenzt.

So kam ich am Abend noch in die Deutsche Bibliothek in Helsinki, um mir anzuhören, wie Ludden dort über seine Tätigkeit als Übersetzer referierte und Ausschnitte aus Fine und Sinuhe las. Es war eine intime und anheimelnde Veranstaltung, bei der Anneli Kalajoki die Mika-Waltari-Gesellschaft repräsentierte. Nach der Lesung gab es Wein und interessante Gespräche. Doch als mich die attraktive Redakteurin des Kübler-Verlags mit der Frage bedrängte, wieso es bei Waltari immer so bösartige Frauengestalten gibt, versagten meine Deutschkenntnisse. Immerhin ist das selbst auf Finnisch schwierig zu erklären. Jedoch konstatierten wir beide auch, dass Waltari eine lange und glückliche Ehe geführt hat. Ich konnte dann nur auf einige schlimme Erfahrungen verweisen, die Waltari in seiner Jugend gemacht hatte. Jedenfalls muss ich meine aufgrund fehlender Praxis eingerosteten Kenntnisse der deutschen Umgangssprache dringend auffrischen!

17.9.2014, Panu Rajala

Aus dem Finnischen von Andreas Ludden