Gbel Delphi200

In ihrem philosophischen Roman " Delphi Lila - göttliches Spiel " verknüpft die Autorin auf geniale Weise die Lebensgeschichten zweier Frauen aus verschiedenen Zeitaltern miteinander - der italienischen Malerin Maya, die im zwanzigsten Jahrhundert lebt, und des griechischen Mädchens Sophia, das 2500 Jahre zuvor in Delphi, dem damaligen Nabel der Welt als Findelkind aufgefunden wird, als Ziehtochter der Orakelpriesterin aufwächst und schließlich ihre wahre biologische Herkunft im süditalienischen Kroton entdeckt, nachdem sie aus Delphi fliehen musste.

Die zeitgenössische Studentin Lucia, der die Biographien beider Frauen in Form von alten Manuskripten bzw. Tagebuchaufzeichnungen in die Hände fallen, und die den Auftrag erhält, sie der Nachwelt in Form eines Buches zu überliefern, fungiert als fiktive Autorin dieses faszinierenden Romans und zugleich auch als unbeteiligte Zeugin des grandiosen göttlichen Spiels, das sich in Gestalt schillernder individueller Lebensschicksale entfaltet.

Die Frage nach unserer wahren Identität, zu der die Inschrift am Eingang des delphischen Apollontempels "Erkenne dich selbst" den eintretenden Pilger aufruft, durchzieht das Buch wie ein roter Faden, verbindet die beiden Lebensschicksale auf einer zeitlosen Ebene und richtet sich indirekt auch an den Leser; denn " das größte Versäumnis ist, dass das Leben dahingeht und wir nicht werden, was wir sind".

Während die junge Sophia die Antwort auf die Frage "wer bin ich?" jenseits aller biologischen, historischen und psychologischen Gegebenheiten in der legendären Gemeinschaft der Pythagoreer in Kroton findet und als eine Prophetin und Heilerin nach Delphi zurückkehrt, begegnet die italienische Malerin Maya gegen Ende ihres wirren Lebens einem indischen Weisen, der sie von der Illusion ihres begrenzten Selbstbildes befreit. "Maya" -Illusion- ist in der indischen Mythologie auch der Name der weiblichen Gottheit, welche die letztendliche Wirklichkeit verschleiert, indem sie das facettenreiche göttliche Spiel der vielfältigen, vergänglichen Erscheinungen als konkrete und einzige Realität erscheinen lässt.

Gabriele Göbel, die den Leser auf zahlreichen historischen und mythologischen Schauplätzen und durch mehrere Zeitebenen hindurch mit einer Vielfalt menschlicher Schicksale, Sehnsüchte sowie seelischer Tiefen und Untiefen konfrontiert, ist nicht nur eine begnadete Erzählerin, sondern auch eine Meisterin des sprachlichen Ausdrucks, durch den sie die Lektüre dieses tiefgründigen und vielschichtigen Romans zu einem ästhetischen Genuss werden lässt.

Dr. Ulrike Jakumeit-Morgott