Gbel Delphi200

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er nicht nur was erzählen, sondern vielleicht sogar die entscheidende Inspiration fürs nächste Buch erhalten. So geschehen bei der Romanautorin Gabriele M. Göbel. Die hatte sich im griechischen Delphi den berühmten Apollontempel und die Kastalische Quelle angeschaut. Irgendwie zog es die studierte Kunsthistorikerin und Romanistin wieder an den Ort des legendären Orakels – und auf einmal begann sie, einen über Jahrtausende reichenden Handlungsfaden mit Szenen zu spinnen, die sich zuerst vor 2500 Jahren an diesem magischen Ort abgespielt haben könnten. Ihre Delphi-Besuche hätten sie zum Thema „Erkenne dich selbst beziehungsweise dein Selbst“ herausgefordert, meint Göbel nachdenklich. "Und plötzlich hatte ich die Szene mit dem damals dort ausgesetzten Findelkind Sophia vor Augen.“

„Delphi Lila“ heißt ihr frappierender Roman, auf dessen Titel sich auf violettem Grund unter einem ionischem Säulenkapitell zwei Frauen im Profil fest in die Augen blicken: Da ist mit der typisch langen griechischen Nase unter dem Haarkranz die Protagonistin Sophia des fünften Jahrhunderts vor Christus, die unter den Fittichen der Verkünderin Pythia zunehmend Einblick in das Ränkespiel der Priesterclique gewinnt. Was die geradlinige junge Frau alsbald in Lebensgefahr bringt.

Und da ist ihr vis-à-vis die stupsnasige Psychologiestudentin von heute. Diese Lucia erbt völlig unerwartet ein mit merkwürdigen Symbolen verziertes Bündel alter, nur mühsam zu entziffernder Manuskripte in verschiedenen Sprachen. Was Lucia wiederum an die so merkwürdige dritte Hauptfigur des Romans, die italienische Malerin Maya, binden wird. Nein, sie bevorzuge nicht wirklich weibliche Protagonisten, widerspricht die Autorin auf die Frage, ob sie nach „Die Mystikerin“, ihrem Hildegard-von-Bingen-Roman, nun auch mit „Delphi Lila“ bevorzugt Frauenliteratur verfasse. „Am liebsten schreibe ich über den Entwicklungsweg von Menschen, die durch existenzielle Krisen oder ein vermeintliches Scheitern ihr eigentliches Potenzial entwickeln können, so dass sie für sich persönlich den Sinn ihres Lebens entdecken“, sagt Göbel. Im Delphi-Buch gäben sehr wohl männliche Mitspieler den Frauen Impulse. Und wo endet die Historie, wo beginnt die Fiktion? Die Frauenfiguren variierten mehr oder weniger bewusst eigene persönliche Erlebnisse und Vorstellungen, erläutert Göbel.

Sie wünsche sich aufgeschlossene Leser, die an existenziellen Fragen interessiert seien und jenseits des Zeitgeistes offen blieben, fügt Göbel hinzu. Sie hat schon mehrere Literaturpreise erhalten. Und wer sieht als Erstes ihre Manuskripte? Sie tausche sich während des Schreibens mit literarisch kompetenten Freunden aus, „bis vor kurzem auch mit meinem inzwischen verstorbenen Mann."


Ebba Hagenberg-Miliu im General-Anzeiger Bonn